HP’s Abschreibung für Autonomy – Ein Opfer kreativer Buchführung?

Früher dachte ich ja, mit meiner technischen Ausbildung, dass Buchführung und die Erstellung von Finanzberichten vielleicht mühsam und anstrengend ist, vielleicht ist es auch schwierig, die Regeln alle zu kennen und zu beachten, aber ich glaubte, dass es eine relativ eindeutige Sache ist. Zum Beispiel die Gewinn- und Verlustrechung: Umsätze minus Kosten ist Gewinn, das ist doch eindeutig, oder? 2+2 = 4 und so …

Im Laufe der Zeit lernte ich jedoch, dass es insbesondere bei der Gewinn- und Verlustrechnung viele Abgrenzungsschwierigkeiten gibt, zum Beispiel die Frage, wann genau Umsätze aus grossen, komplexen Aufträgen in der Gewinn- und Verlustrechnung berücksichtigt werden dürfen (revenue recognition).

Dies wird uns diese Tage wieder durch den Streit zwischen HP und dem früheren CEO von Autonomy vor Augen geführt.

HP hatte im Sommer 2011 den britischen Softwarehersteller Autonomy übernommen, zu einem Preis, der schon damals von Analysten als sehr hoch eingeschätzt wurde. Nun hat HP vor ein paar Tagen den größten Teil des gesamten Kaufpreises abgeschrieben und erklärt, diese Abschreibung sei wiederum größtenteils darauf zurückzuführen, dass Autonomy vor der Übernahme und während des Due Diligence-Prozesses seine Umsätze falsch berichtet hätte:

“HP is extremely disappointed to find that some former members of Autonomy’s management team used accounting improprieties, misrepresentations and disclosure failures to inflate the underlying financial metrics of the company, prior to Autonomy’s acquisition by HP. These efforts appear to have been a willful effort to mislead investors and potential buyers, and severely impacted HP management’s ability to fairly value Autonomy at the time of the deal.”

HP hätte dann aufgrund der überhöht ausgewiesenen Umsätze und Wachstumsraten eine Bewertung vorgenommen, die nun im Angesicht der korrigierten Zahlen deutlich zu hoch ist – und daher rühre ein großer Teil der Abschreibung. Nur zur Größenordnung: HP hatte 2011 für Autonomy 11,1 Mrd $ bezahlt und schreibt nun 8,8 Mrd $ als Wertberichtigung ab, davon werden mehr als 5 Mrd $ als Folge der inkorrekten Buchhaltung von Autonomy deklariert.

In einem offenen Brief an HP kontert Mike Lynch, der damalige CEO von Autonomy, dass nach den in Europa üblichen Buchhaltungsregeln (IFRS) die Umsätze korrekt behandelt wurden. Das würde dann auch erklären, wieso Autonomy’s Finanzberichte von einer angesehenen britischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft abgesegnet wurden. HP als amerikanische Aktiengesellschaft berichtet natürlich nach den in den USA gültigen Buchhaltungsrichtlinien (GAAP) und da gibt es eben bei vielen Fragen unterschiedliche Regeln und Möglichkeiten der Behandlung.

Handelt es sich also einfach um eine Inkompatibilität der Buchhaltungsregeln, die peinlicherweise während der Due Diligence niemandem auffiel?
So etwa wie die NASA 1999 eine Marssonde aufgrund eines Navigationsfehlers verlor? Die Ursache war eine Inkompatibilität von verschiedenen Teilen der Steuerungssoftware, die teilweise unter Verwendung metrischer Einheiten und teilweise unter Verwendung amerikanischer Einheiten programmiert war – was aber erst nach dem Verlust der Sonde bemerkt wurde.

Also wie bei der Marssonde – dumm gelaufen, aber keine böse Absicht? Oder doch “kreative Buchführung” von Autonomy?

Wir wissen es zur Zeit nicht und werden wohl auch so schnell keine weiteren Details erfahren, da HP den Fall sowohl der amerikanischen als auch der britischen Börsenaufsicht zur Untersuchung vorgelegt hat, und bis zum Abschluss der Untersuchung wird wahrscheinlich Funkstille herrschen.

Generell aber gilt, dass im Software-Bereich die Abgrenzungsschwierigkeiten und Gestaltungsspielräume bei der Berechnung von Umsätzen und Kosten besonders groß sind. Ein Grund dafür ist, dass kein physisches Gut geliefert wird, daher ist zum Beispiel das Thema Revenue Recognition besonders heikel.

Zu dieser Problematik hat mich eine Freundin auf einen sehr interessanten Blog-Artikel von Jon Tseng aufmerksam gemacht. Jon  ist im Hauptberuf Analyst für die Software- und IT-Branche bei Merrill Lynch in London und er betreibt sein privates Blog uneasyempires.

Der Titel des Artikels sagt schon alles: Why Software-Companies Fudge Their Numbers (And How They Get Away With It)

Jon zeigt an ganz konkreten Beispielen, warum die Software-Branche besonders anfällig für die Manipulation der Finanzberichte ist und was dann die typischen Tricks und Manipulationen sind – von Grauzonen und Gestaltungsspielräumen bis hin zu klar unzulässigen Manipulationen (nach US-GAAP).

Von “pulling revenue forward” und “channel stuffing” bis zum Schönen von Wachstumsraten, indem man einfach die schwachen Produkte unter den Tisch fallen lässt.

Sehr lesenswert für alle, die Verantwortung für die finanziellen Ergebnisse eines Software- oder Internet-Unternehmens tragen. Und für alle, die solche Unternehmen bewerten, z.B. im Rahmen von Firmenübernahmen oder einfach als Aktionäre.

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